Hofmannsthal: Ein Brief

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Lösungen darf man im „Brief“ des Lord Chandos nicht suchen. Immer wieder richtet sich der Blick dieser historisch kaum fassbaren Lordschaft auf das, was er als seine Entwicklung erkannt hat. Er versucht den Stellenwert einzelner Werke zu bestimmen. Wessen Werke sind es? Hat er sich nicht längst abgelöst von den Ideen, die ihn als 23-jährigen beherrscht haben? Ein Entwurf der Jugend behandelt die Chronologie der frühen Regierungsjahre Heinrich VIII., ein anderes, unvollendetes Werk besteht in einer Sammlung von Sinnsprüchen, Festen und Bräuchen und soll den Titel „Nosce te ipsum“ (Erkenne dich selbst!) tragen.

Immer wieder ist die Frage nach der Intention des 1902 veröffentlichten, Epoche machenden „Briefs“ Hugo von Hofmannthals gestellt worden. Ist es die Frage nach dem eigenen Weg? Ist es eine Studie über die Biographie des österreichischen Dichters selbst, der sich ähnlich wie der fiktive Verfasser des berühmten „Briefes“ vom Schreiben verabschiedet hat? Das ist nicht auszuschließen, wenn dabei nicht „die kategoriale Verschiedenheit von Biografie und Dichtung“ (Szondi 1978: 266) übersehen wird.

Mag der „Brief“ auch schwierig erscheinen, bietet er doch genügend Anregungen, ihn kritisch zu diskutieren. Lord Chandos macht der Sprache den Prozess; er redet allerdings dermaßen eloquent von ihrem Sterben, dass Zweifel daran aufkommen, ob er sie tatsächlich erledigen will oder erledigen kann.

Arbeitsanregungen:

  • Versuchen Sie den Ihrer Meinung nach passenden Interpretationsansatz für Hofmannsthals Text zu bestimmen.
  • Wählen Sie Aspekte aus, die die verschiedenen Interpretationsansätze stützen. Ergänzen Sie die Grafik.
  • Diskutieren Sie Ihre Interpretation im Kurs. Formulieren Sie dafür geeignete Fragen und Argumente.

Zitierte Literatur:

Peter Szondi: Intention und Gehalt. Hofmannsthal ad se ipsum, in: Schriften II. Suhrkamp Verlag: Frankfurt a. M. 1978, 266–272.

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