Was ist das, Bewusstsein?

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Die Maus

Es war mir vollkommen rätselhaft, wie die Maus in den Schlafsaal hineingekommen war. Immer dieses leise Nagen! Es kam von der Treppe her. Ich wartete, dass es näher käme. „Soll ich aufstehen?“ sagte ich. Ich hatte aber nicht mehr genug Kraft, aufzustehen, so dass ich mit der Faust auf den Boden schlug.

Bewusstsein

Was ist das, Bewusstsein? Der Mensch hat das Bewusstsein dem Verstand zugeteilt oder der Vernunft, was nicht richtig ist. Dem, was wir „Bewusstsein“ nennen, entsprechen verschiedene Systeme, innerhalb und außerhalb unseres Kopfes. Diese Systeme konstituieren kein Sondervermögen, geschweige denn eine Sonderstellung des Menschen. Selbst innerhalb unseres Kopfes, innerhalb des Gehirns gibt es Zustände, wie den Zustand geschärfter Aufmerksamkeit, der auch bei Tieren zu beobachten ist. Ein Tier schaut aufmerksam, wenn es auf Dinge von außen reagiert. Das Bewusstsein ist also nicht nur durch geschärfte, aktive Aufmerksamkeit bestimmt, sondern auch durch reaktive. Es gibt ein Aktual– und ein Hintergrundbewusstsein. Dem Aktualbewusstsein erscheinen die Welt und das Leben in einem anderen Licht als dem Hintergrundbewusstsein.

[Noch zu ergänzen!]

Entstehung des Grübelns

Die Kinder des Krokodils. Sie werden verwandelt in einsame Männer, die verheiratet und aufgedunsen ihre bösen Witze reißen. Nun, sie grübeln, heißt es.

Die Entstehung des Grübelns stellt sich als Ablösung des Selbstbewusstseins von der Alltagspraxis dar. Ähnliches geschieht in den Wissenschaften. Grübeln ist Denken in einem anderen Bereich, wobei der Grübelnde Ideen gewinnt, die, anders als in der Wissenschaft, dem Anspruch der Allgemeingültigkeit nicht standhalten; Grübeln ist Denken „in einem Material, das unmittelbarer, flüssiger, glühender ist als Worte“ (Hugo von Hofmannsthal: Ein Brief). Es ist klar, dass dem Grübelnden die Benennungen fehlen. Doch von der Tendenz zur Anthropomorphisierung ist er nicht frei. Es ist eben eine besondere Art der Gegenständlichkeit, die die Dinge ohne Sprache erhalten, eine subjektiv-sinnliche Gegenständlichkeit: Sie werden anthropomorph.

Bei deiner Kuh

Bei deiner Kuh
hast du Fried’ und Ruh.

Die Natur schiebt der Sprache den Riegel vor. Warum also sollte die Kuh die Sprache gegen die Sprache gebrauchen? 

 

Von der Wende zur literarischen Moderne ist die Rede, seit die Sprache für die Literaten an Bedeutung verliert. Insbesondere Schriftsteller der Dekadenz wie Hugo von Hofmannsthal (1874–1929) halten daran fest, dass die Sprache nichts mehr tauge. Für ihn will das heißen, dass sie auf ihre kommunikative Rolle eingeschränkt worden ist. Dass die Sprache „so abgegriffen wie schlechte Münzen [sei]“ (Hugo von Hofmannsthal, GW X 413 [Aufzeichnungen 1896]), will sagen, dass sie, wenigstens in den Augen Hofmannsthals, auf ihren bloßen Verkehrswert herabgesunken ist. Auch vom Tod der Sprache ist bei Hofmannsthal die Rede, fast so, als ob vom Tod Gottes die Rede wäre. Der „Brief“ des Lord Chandos, ein Schlüsseltext der literarischen Moderne, bringt dies überraschend sprachmächtig zum Ausdruck.

Schöner grübeln

Mensch und Tier

Der Elefant verließ an diesem Tage gar nicht mehr das Gehege. Gegen Abend ging er in den Gang, der auf das Becken der Kraniche hinausläuft, und sah auf das Wasser. Aus irgendeinem Grund hatte der Dickhäuter Geschmack am Grübeln gefunden. Den Besuchern gefiel es, ihn dabei anzustarren. Es hatte eine erhebende Wirkung, wie man hörte, wenn der Elefant, den Zusammenhang zwischen Kopf und Rüssel begreifend, seltsame Zeichen in den Sand schrieb. Wenn der Wärter seinen Kopf streichelte, hielt er inne und flüsterte mit dem Elefanten, dass er alles kenne, dass er ihn verstehe.

Neben der Spur

Philosophie des Standortes

Was Berlin für ihn war, war schwer auszusprechen. Niko zündete sich eine Zigarette an. Der Toaster diente als Feuerzeug.

Für Niko selbstverständlich: eigene Wohnung, eigenes Geld, Kaffee, Zigaretten. Nur manchmal stöhnte er über die Preise.
 
Die Philosophie ist eine sehr alte Wissenschaft. Sie bezeichnet zunächst den Punkt, an dem unsere Lebenslinie vom Unendlichen durchschnitten wird. Die Philosophie legt dem Leben damit eine neue Bedeutung unter, indem sie die Bemühung darstellt, diesen Punkt zu erhellen. Die Philosophie als das Wissen über diesen Punkt steht also über oder neben dem unmittelbaren Dasein. Wer philosophiert, schließt das dem Leben zugrunde liegende Gefühl nicht aus, aber er ringt sich empor, in stetigem gedanklichen Fortschritt, zum Unendlichen oder Allgemeinen.
 
Arbeitsanregungen:

  1. Versuchen Sie sich des angesprochenen Punktes, der Ihr Leben durchschneidet, zu vergewissern, indem Sie eine Philosophie des Standortes probieren:
    Was ist selbstverständlich an dem Ort, an dem Sie leben, was ist Ihnen fremd?
    Was wissen Sie über Ihren Ort vor zehn Jahren, vor hundert Jahren?
  2. Einigen Sie sich in der Gruppe auf einen gemeinsamen Ort, über den Sie sich austauschen können: die Schule, das Dorf, die Stadt …
    Vergleichen Sie Ihre Erkenntnisse mit denen der anderen.
  3. Sehen Sie den Film „Oh Boy“ von Jan-Ole Gerster aus dem Jahr 2012.
  4. Schreiben Sie einen Text dazu, etwa unter dem Titel „Neben der Spur“.

 
Oh Boy (Video in der ARD Mediathek)